Waiting for the Weekend?

9. Juni 2021

von Axel Gundolf

“Hi, wie geht’s?”

“Naja, Montag halt.”

“Tja, da sagst du was.”

Schon mal so oder ähnlich gehört? Auf dem Gang, am Telefon, morgens im Aufzug? Alltäglicher Büro-Smalltalk, nichts Besonderes, kurzer netter Austausch. Erfüllt seine Funktion, füllt die Stille. Und nebenbei versichert man sich, dass man sich einig ist, dass man richtig liegt, dass man zum gleichen Stamm gehört.

Aber was sagen wir hier eigentlich?

Mich irritieren solche Konversationen. Denn hinter diesem harmlosen Austausch steckt eine Botschaft, die für viele so selbstverständlich zu sein scheint, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen. Wir haben es offenbar als allgemeingültig akzeptiert, dass mit bestimmten Wochentagen ganz automatisch auch bestimmte Stimmungen und Gefühle verbunden sind. 

Das ist so klar, dass sogar die Popkultur auf die Chiffren zurückgreifen kann, und jeder versteht das sofort. “I don’t like Mondays”, sangen die Boomtown Rats schon vor über 40 Jahren, und der Song hat sich bis heute als Hymne aller Montagsmüden erhalten (auch wenn das Lied einen ganz anderen, deutlich komplexeren Hintergrund hat). Der Gegenentwurf dann etwa ein Jahrzehnt später von The Cure:

I don’t care if Monday’s blue

Tuesday’s grey and Wednesday too

Thursday, I don’t care about you

It’s Friday, I’m in love

1994 setzte die dänische Sängerin Whigfield mit “Saturday Night” dann nicht nur einen der nervigsten Nr. 1 Hits aller Zeiten in die Welt, sondern zementierte auch noch mal felsenfest die Gewissheit: Samstage sind ganz klar die besten Tage der Woche. Denn Montage sind ja zum Hassen da, Dienstag bis Donnerstag ist es auch nicht viel besser – und ab Freitag kommt dann die Erlösung. Das Wochenende ist die Zeit, wo alles gut wird, wo sich unsere Träume, Sehnsüchte und Bedürfnisse erfüllen. Ganz schön viel für zwei kleine Tage. Und was sollen wir eigentlich mit dem Sonntag anfangen? Ach ja: “Tatort” schauen. Gott sei dank gibt es die Programmplaner der ARD.

Ich mag gute Popsongs, und ich finde es schön, wenn uns das gute alte Fernsehen liebgewonnene Rituale liefert. Aber ich will mein Leben nicht auf zwei Tage in der Woche beschränken. Was ist denn, wenn das Wochenende mal gar nicht so toll ist? Dann muss ich wieder fünf Tage durchhalten, bis die nächste Chance auf eine gute Zeit kommt. Das ist doch viel zu viel Druck auf zwei Tage, die doch höhere Mächte verschiedener Weltreligionen mal als Tage der Ruhe und des Innehaltens festgelegt haben. 

Und jetzt mal ein ganz irrer Gedanke: Was wäre denn, wenn ich es mir erlaube, auch schon an einem, sagen wir mal, ganz normalen Dienstag eine gute Zeit zu haben? Oder wenn ich mich mittwochs Hals über Kopf verliebe, statt wie vorgesehen auf den Freitag zu warten? Ich könnte sogar an einem Montag in irgendeinem Büro in Deutschland so etwas wie Begeisterung verspüren. Klingt unfassbar, aber es ist definitiv möglich. Habe ich selber schon erlebt!

Das klingt vielleicht alles etwas banal, genauso wie der eingangs wiedergegebene Smalltalk. Aber dahinter steckt die große Frage, wie wir eigentlich leben und arbeiten wollen. Mit welcher Haltung machen wir das, was wir gerade machen? Wollen wir unsere Arbeit einfach hinter uns bringen, um dann in der sogenannten “Freizeit” endlich Erlösung zu finden? Sehnen wir uns nach der nächsten Gehaltszahlung, damit wir das hart verdiente Geld dann in Produkte und Erlebnisse stecken können, die uns für dieses Leiden entschädigen? Da muss es doch noch mehr geben, oder?

Ja, gibt es. Und die gute Nachricht ist, dass es wirklich jeder Mensch anders haben kann. Sieben Tage die Woche eine gute und erfüllte Zeit, das ist kein Luxus für irgendeine Elite, von dem der “kleine Mann” oder die “kleine Frau” nur träumen können. Das ist eine Frage der Haltung, ganz einfach – und doch manchmal so schwierig in der Umsetzung. 

Man könnte zum Beispiel ganz einfach damit anfangen, mal in der Kiste mit den Klischees aufzuräumen, die viele von uns im Kopf haben. Da stecken nämlich oft noch Vorstellungen von Arbeit drin, die eher aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen. Die unerbittliche Stechuhr, der böse Chef, der Feierabend als Erlösung. Schauen wir doch mal mit einem frischen Blick auf das, womit wir einen Großteil unserer wachen Zeit verbringen. Gönnen wir uns einen positiven Blick ohne Zynismus auf unsere Arbeit. Und machen wir uns bewusst: Wir entscheiden uns jeden Tag freiwillig, genau diese Arbeit zu machen. Geld verdienen kann man nämlich auch woanders. 

Letztlich geht es ganz einfach darum, unsere Tage bewusst und engagiert zu erleben – und zwar alle Tage der Woche, nicht nur die offiziell für Spaß vorgesehenen. Hören wir auf, unsere Freuden auf eine imaginäre Zukunft zu verschieben, können wir stattdessen das Schöne und Begeisternde im Hier und Jetzt entdecken. Wenn man einmal damit anfängt, eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Und auf einmal erzählen Sie der Kollegin im Aufzug, wie gut Ihnen das Frühstück am Montagmorgen geschmeckt hat, auf welches Meeting Sie sich heute am meisten freuen, und dass es total schön ist, mit Menschen wie ihr zu arbeiten. 

Und extra für diesen Moment ist mir dann sogar noch der passende Popsong eingefallen:

Let’s go walking through the park today

I love Sunday Mondays any day

When the skies are blue and it’s not grey

I’ll take Sunday Mondays any every day

(Vanessa Paradis – Sunday Mondays)

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