It’s funny cos it’s true

28. Juni 2021

von Axel Gundolf

Ich muss vorab warnen: In diesem Text werde ich die These aufstellen, dass etwas “typisch deutsch” ist. Und dann geht es dabei auch noch um Humor. Da wird uns Deutschen ja global nachgesagt, wir hätten ganz einfach keinen. Gerade die Briten erzählen gerne diesen Witz:

  • Do you want to know a fun fact about Germany? 
  • There is no fun in Germany. Go back to work!

Ich beschäftige mich viel mit Humor und bin ein großer Fan aller Arten von Comedy. Auch in unserem Beratungs- und Trainingsalltag spielt Humor eine wichtige Rolle. Inhalte lassen sich auf unterhaltsame Weise sehr viel einfacher vermitteln – und wir selber haben dann auch mehr Spaß bei der Arbeit. 

Da ich viel Comedy-Content aus unterschiedlichen Ländern konsumiere, ist mir etwas aufgefallen, dass ich auch für das Thema Arbeit und Führung relevant finde. Ich glaube nämlich, dass wir Deutschen etwas ganz Essenzielles falsch machen. Wenn es so etwas wie “typisch deutschen” Humor gibt, dann versäumt er es, ein grundlegendes Prinzip anzuwenden, das vor allem die Amerikaner viel besser verinnerlicht haben. Und dieses Prinzip bringt nicht nur das Comedy- Business auf ein höheres Level, sondern wirklich jedes Business. Und es lautet:

“Sei persönlich.”

Das Prinzip stammt aus der Improvisation. Kurz gesagt geht es darum, dass wir in jeder Hinsicht am effektivsten sind, wenn wir einfach wir selbst sind. Dann verschwenden wir keine Energie darauf, etwas vorzutäuschen, von dem wir denken, dass andere das von uns erwarten oder dass es besonders gut ankommt. Stattdessen erreichen wir Menschen – und letztlich auch unsere Ziele – mit mehr Energie und unserem vollen Potenzial. Und das funktioniert in allen Lebensbereichen, in der Comedy genauso wie bei der Führung von Teams. Wir sind wirkungsvoller und agieren nachhaltiger, wenn wir menschlich authentisch sind.

Im angelsächsischen Raum gibt es diese Tradition, sinnbildlich zusammengefasst in dem Ausspruch: “It’s funny – cos it’s true!”. 

Und diese Art von Wahrhaftigkeit bringt immer wieder große Meisterwerke der komischen Kunst hervor. Gerade vor wenigen Tagen habe ich wieder mal ein besonders eindrucksvolles Beispiel gesehen: das neue Netflix-Special des hierzulande kaum bekannten US-Comedians Bo Burnham. Das trägt den sehr treffenden Namen “Inside”, denn zum einen hat Burnham sein komplettes Programm während der Corona-Pandemie alleine in seinem Wohnzimmer gedreht. Zum anderen verarbeitet er dort völlig ungefiltert sein Innenleben, seine Gedanken und Gefühle. Die sind wahrlich nicht immer brüllkomisch, aber gerade das macht die Tiefe dieses Films aus. 

Ähnliches gilt für eins meiner liebsten Stand-up-Programme überhaupt, “Nanette” der australischen Komikerin Hannah Gadsby (ebenfalls auf Netflix zu sehen). Die feuert dort eine Mischung aus Gags, Sozialkommentaren und Lebensgeschichte ab, dass es einen umhaut. Es geht um Gadsbys persönliche Traumata, ihre Diskriminierungserlebnisse als Homosexuelle und ihren Autismus. Hört sich nach schwerer Kost an, ist aber sehr berührend – und eben unglaublicherweise trotzdem irrsinnig lustig. 

Zugegeben, diese beiden Beispiele sind extrem und sicherlich Geschmackssache. Deutlich wird meine These aber auch an der wiederum sehr populären Comedy-Serie “The Office”. Das britische Original von und mit Ricky Gervais war ein ätzender und schonungsloser Blick in die Untiefen des Büroalltags. Das war große Comedy-Kunst und mit Sicherheit stilbildend, aber nach 12 Episoden in dieser Ausrichtung auch auserzählt. Die US-Adaption wird im Vergleich oft als “weichgespült” betrachtet. Richtig ist, dass sie deutlich emotionaler ist, weil sich die Charaktere entwickeln dürfen, auch Beziehungen eine Rolle spielen und es einfach insgesamt menschlicher zugeht. Und auf einmal trug dasselbe Setting die Geschichte über mehr als 200 Episoden. Gefühle und kommerzieller Erfolg schließen sich also offensichtlich keinesfalls aus.

Und was ist mit uns Deutschen? Beim weiteren Nachdenken darüber, warum der deutsche Humor nicht gerne persönlich wird, ist mir die bei uns weit verbreitete Tradition der humoristischen Kunstfigur aufgefallen. Deutscher Humor verkleidet sich gerne. Er setzt sich Perücken auf wie Helge Schneider oder Atze Schröder. Er schneidet Grimassen wie Didi Hallervorden oder Martin Schneider. Manchmal reicht auch schon eine Mütze, wie aktuell bei Torsten Sträter oder früher Tom Gerhardt. Die sind alle oft durchaus äußerst lustig, aber wirklich berührt werden wir nicht, letztlich bleibt alles an der Oberfläche des schnellen Lachers.

Warum ist das relevant? Und warum spielt das auch für das Thema Führung eine Rolle? Weil ich glaube, dass Humor und Komik ein wichtiger Teil von Kultur sind. Und Kultur findet ja nicht nur auf Bühnen statt, sondern prägt unser gesamtes Leben, als Gesellschaft und individuell. Aber wenn wir beim Lachen schon nicht persönlich werden können, wie sollen wir es dann bei vermeintlich “ernsten” Tätigkeiten wie Arbeit sein? 

Somit ist dieser Text am Ende ein Plädoyer. Führungskräfte dürfen und sollen sich trauen,  mehr Persönlichkeit zu zeigen – gerade weil uns Deutschen das offensichtlich nicht in die kulturelle Wiege gelegt wurde. Umso wichtiger ist es, diese menschliche Ebene auch gerade in der Arbeitswelt zuzulassen. Das ist gar nicht so einfach, weil wir durch unsere äußeren Prägungen darauf ausgerichtet sind, bestimmte Rollen zu spielen. Aber wenn wir diese Verkrampfung lockern können, steigern wir unsere Wirksamkeit. 

Wie viel Potenzial darin steckt und was das auslösen kann, haben vor kurzem übrigens ausgerechnet der Mützenträger Torsten Sträter und die Kunstfigur Kurt Krömer gezeigt. In einer sehens- und bemerkenswerten Episode des Formats “Chez Krömer” haben diese beiden durch und durch deutschen Komiker mitten in der Sendung angefangen, ganz offen über ihre Erfahrungen mit schweren Depressionen zu sprechen. Dadurch waren die beiden kein Stück weniger lustig, haben in mir aber mindestens einen neuen Fan gewonnen. 

Und wer glaubt, dass sich solche Themen nicht mit den harten Anforderungen des Geschäftslebens vereinbaren lassen: Das zugehörige Video gehört mit etwa 2 Millionen Abrufen auf YouTube zu den erfolgreichsten Episoden des Formats. 

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Waiting for the Weekend?

9. Juni 2021

von Axel Gundolf

“Hi, wie geht’s?”

“Naja, Montag halt.”

“Tja, da sagst du was.”

Schon mal so oder ähnlich gehört? Auf dem Gang, am Telefon, morgens im Aufzug? Alltäglicher Büro-Smalltalk, nichts Besonderes, kurzer netter Austausch. Erfüllt seine Funktion, füllt die Stille. Und nebenbei versichert man sich, dass man sich einig ist, dass man richtig liegt, dass man zum gleichen Stamm gehört.

Aber was sagen wir hier eigentlich?

Mich irritieren solche Konversationen. Denn hinter diesem harmlosen Austausch steckt eine Botschaft, die für viele so selbstverständlich zu sein scheint, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen. Wir haben es offenbar als allgemeingültig akzeptiert, dass mit bestimmten Wochentagen ganz automatisch auch bestimmte Stimmungen und Gefühle verbunden sind. 

Das ist so klar, dass sogar die Popkultur auf die Chiffren zurückgreifen kann, und jeder versteht das sofort. “I don’t like Mondays”, sangen die Boomtown Rats schon vor über 40 Jahren, und der Song hat sich bis heute als Hymne aller Montagsmüden erhalten (auch wenn das Lied einen ganz anderen, deutlich komplexeren Hintergrund hat). Der Gegenentwurf dann etwa ein Jahrzehnt später von The Cure:

I don’t care if Monday’s blue

Tuesday’s grey and Wednesday too

Thursday, I don’t care about you

It’s Friday, I’m in love

1994 setzte die dänische Sängerin Whigfield mit “Saturday Night” dann nicht nur einen der nervigsten Nr. 1 Hits aller Zeiten in die Welt, sondern zementierte auch noch mal felsenfest die Gewissheit: Samstage sind ganz klar die besten Tage der Woche. Denn Montage sind ja zum Hassen da, Dienstag bis Donnerstag ist es auch nicht viel besser – und ab Freitag kommt dann die Erlösung. Das Wochenende ist die Zeit, wo alles gut wird, wo sich unsere Träume, Sehnsüchte und Bedürfnisse erfüllen. Ganz schön viel für zwei kleine Tage. Und was sollen wir eigentlich mit dem Sonntag anfangen? Ach ja: “Tatort” schauen. Gott sei dank gibt es die Programmplaner der ARD.

Ich mag gute Popsongs, und ich finde es schön, wenn uns das gute alte Fernsehen liebgewonnene Rituale liefert. Aber ich will mein Leben nicht auf zwei Tage in der Woche beschränken. Was ist denn, wenn das Wochenende mal gar nicht so toll ist? Dann muss ich wieder fünf Tage durchhalten, bis die nächste Chance auf eine gute Zeit kommt. Das ist doch viel zu viel Druck auf zwei Tage, die doch höhere Mächte verschiedener Weltreligionen mal als Tage der Ruhe und des Innehaltens festgelegt haben. 

Und jetzt mal ein ganz irrer Gedanke: Was wäre denn, wenn ich es mir erlaube, auch schon an einem, sagen wir mal, ganz normalen Dienstag eine gute Zeit zu haben? Oder wenn ich mich mittwochs Hals über Kopf verliebe, statt wie vorgesehen auf den Freitag zu warten? Ich könnte sogar an einem Montag in irgendeinem Büro in Deutschland so etwas wie Begeisterung verspüren. Klingt unfassbar, aber es ist definitiv möglich. Habe ich selber schon erlebt!

Das klingt vielleicht alles etwas banal, genauso wie der eingangs wiedergegebene Smalltalk. Aber dahinter steckt die große Frage, wie wir eigentlich leben und arbeiten wollen. Mit welcher Haltung machen wir das, was wir gerade machen? Wollen wir unsere Arbeit einfach hinter uns bringen, um dann in der sogenannten “Freizeit” endlich Erlösung zu finden? Sehnen wir uns nach der nächsten Gehaltszahlung, damit wir das hart verdiente Geld dann in Produkte und Erlebnisse stecken können, die uns für dieses Leiden entschädigen? Da muss es doch noch mehr geben, oder?

Ja, gibt es. Und die gute Nachricht ist, dass es wirklich jeder Mensch anders haben kann. Sieben Tage die Woche eine gute und erfüllte Zeit, das ist kein Luxus für irgendeine Elite, von dem der “kleine Mann” oder die “kleine Frau” nur träumen können. Das ist eine Frage der Haltung, ganz einfach – und doch manchmal so schwierig in der Umsetzung. 

Man könnte zum Beispiel ganz einfach damit anfangen, mal in der Kiste mit den Klischees aufzuräumen, die viele von uns im Kopf haben. Da stecken nämlich oft noch Vorstellungen von Arbeit drin, die eher aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen. Die unerbittliche Stechuhr, der böse Chef, der Feierabend als Erlösung. Schauen wir doch mal mit einem frischen Blick auf das, womit wir einen Großteil unserer wachen Zeit verbringen. Gönnen wir uns einen positiven Blick ohne Zynismus auf unsere Arbeit. Und machen wir uns bewusst: Wir entscheiden uns jeden Tag freiwillig, genau diese Arbeit zu machen. Geld verdienen kann man nämlich auch woanders. 

Letztlich geht es ganz einfach darum, unsere Tage bewusst und engagiert zu erleben – und zwar alle Tage der Woche, nicht nur die offiziell für Spaß vorgesehenen. Hören wir auf, unsere Freuden auf eine imaginäre Zukunft zu verschieben, können wir stattdessen das Schöne und Begeisternde im Hier und Jetzt entdecken. Wenn man einmal damit anfängt, eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Und auf einmal erzählen Sie der Kollegin im Aufzug, wie gut Ihnen das Frühstück am Montagmorgen geschmeckt hat, auf welches Meeting Sie sich heute am meisten freuen, und dass es total schön ist, mit Menschen wie ihr zu arbeiten. 

Und extra für diesen Moment ist mir dann sogar noch der passende Popsong eingefallen:

Let’s go walking through the park today

I love Sunday Mondays any day

When the skies are blue and it’s not grey

I’ll take Sunday Mondays any every day

(Vanessa Paradis – Sunday Mondays)

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